Bitcoin-Vierjahreszyklus: Wie eindeutig ist das Muster?
21Nexus
29.10.2026 · 11:23 Uhr
Etwa alle vier Jahre halbiert sich bei Bitcoin die Menge neu ausgegebener Bitcoin je Block. Dieses Ereignis heißt Halving. Die Ausgabe je Block halbiert sich nach jeweils 210.000 Blöcken, zuletzt am 20.04.2024.
Die Halbierung der Ausgabe ist fest im Protokoll verankert. Ob die Kurse einem ähnlich regelmäßigen Muster folgen, ist eine andere Frage.
Marktbeobachter und Anleger glaubten, in der Kursentwicklung ein solches Muster zu erkennen, das sich am Halving orientiert. Die Hochs vor den jeweils größten Rückgängen lagen in den untersuchten Perioden 371 bis 546 Tage nach dem Halving. In den drei abgeschlossenen Perioden dauerte der anschließende Rückgang bis zum Tief 364 bis 406 Tage. Dazu passte die verbreitete Erklärung: Weniger neu ausgegebene Bitcoin könnten bei unveränderter oder steigender Nachfrage den Kurs stützen. Daraus wird häufig eine Abfolge von Aufschwung, Übertreibung und Rückgang abgeleitet. So entstand die Erzählung vom Vierjahreszyklus.
Die Untersuchung beschreibt die drei abgeschlossenen Halving-Perioden seit November 2012 sowie den laufenden Zeitraum seit April 2024 anhand täglicher Schlusskurse in US-Dollar und fragt, was daran regelmäßig war und was sich verändert hat. Die Ausgabeperiode vor dem ersten Halving (50 Bitcoin je Block) ist nicht Teil des Vergleichs: Es gab dort noch kein Halving als Bezugspunkt, und der Markt war sehr klein. Die Untersuchung ist eine rückblickende Beschreibung. Aus ihr lässt sich keine verlässliche Prognoseregel ableiten.
Das Ergebnis in drei Punkten:
Erstens waren die Verluste vom Höchststand zum Tiefpunkt in den drei abgeschlossenen Perioden erheblich, nämlich rund 77 bis 85 Prozent. Bis das alte Hoch wieder erreicht war, vergingen etwa 2,3 bis 3,2 Jahre.
Zweitens ergeben sich ähnliche zeitliche Abstände nur bei einer bestimmten Auswahl der Hochs und Tiefs. Wird stattdessen der höchste Kurs der gesamten Halving-Periode verwendet, bricht dieses Muster auseinander.
Drittens sind drei ähnliche Abstände ein beschreibender Befund und kein Nachweis einer Gesetzmäßigkeit.
Warum die Zahl Vier
Das Halving erfolgt protokollgemäß jeweils nach 210.000 Blöcken (Daten siehe Tabelle oben). Das Protokoll zielt auf einen Block alle zehn Minuten. 210.000 Blöcke entsprechen dann rund 1.458 Tagen, also etwa vier Jahren. Die Zahl Vier ergibt sich damit aus der Blockzahl und dem Zielabstand, nicht aus einem Kalender. Tatsächlich lagen die Abstände zwischen den Halvings bei 1.319, 1.402 und 1.440 Tagen, weil Blöcke im Schnitt etwas schneller gefunden wurden.
Das nächste Halving steht bei Block 1.050.000 an. Nach derzeitigem Stand (Blockhöhe rund 973.600 am 28.10.2026, noch rund 76.400 Blöcke) ist es um den 10.04.2028 zu erwarten. Das ist eine rechnerische Schätzung unter der Annahme von durchschnittlich zehn Minuten je Block. Der tatsächliche Termin hängt von der weiteren Blockproduktion ab.
Die Erzählung vom Vierjahreszyklus ist anschaulich und ließ sich bisher dreimal als Abfolge aus Anstieg, Höhepunkt, Rückgang und neuem Anlauf beschreiben. Die Stichprobe ist aber klein. Außerdem war das Halving ein öffentlich bekanntes, planbares Ereignis, dessen Wirkung Marktteilnehmer vorwegnehmen konnten.
Wie tief die Verluste waren und wie lange die Erholung dauerte
Gesucht wird in jeder Halving-Periode, also zwischen zwei Halvings, der größte prozentuale Verlust von einem zuvor erreichten Schlusskurshoch zu einem späteren Schlusskurstief. Die beiden zugehörigen Tage bilden das untersuchte Hoch-Tief-Paar: Zyklushoch und Zyklustief. Wird stattdessen der höchste Kurs der gesamten Periode als Hoch verwendet, ergibt sich ein anderes Bild. Das zeigt der Abschnitt zum Rekordhoch vom März 2024.
In den drei abgeschlossenen Perioden nahmen Rückgang und Erholungsdauer ab. Auch die annualisierte Volatilität fiel. Sie misst die täglichen Kursschwankungen, hochgerechnet auf ein Jahr, und lag bei 98, 82 und 62 Prozent, in der laufenden Periode bislang bei 45 Prozent. Das ist in dieser Auswahl sichtbar. Es belegt weder ein Gesetz noch eine Reifung des Marktes. Die frühen Perioden betreffen einen kleinen, wenig liquiden Markt, und die kürzeren Erholungszeiten beruhen auf nur drei abgeschlossenen Beobachtungen. Dennoch lag der Rückgang in allen drei abgeschlossenen Perioden über 76 Prozent, und das alte Hoch war erst nach mehr als zwei Jahren wieder erreicht.
Wie regelmäßig waren die Abstände?
Zwischen Tief und nächstem Hoch vergingen jeweils rund 1.060 Tage. Die drei jüngeren Hochs lagen 525 bis 546 Tage nach dem Halving, das erste nach 371 Tagen. Zwischen den drei abgeschlossenen Tiefs lagen 1.431 und 1.425 Tage. Das sind drei beziehungsweise zwei Abstände, Zufall lässt sich nicht ausschließen. Wie stark das Bild vom gewählten Verfahren abhängt, zeigt der nächste Abschnitt.
Zudem wurden die Wendepunkte in Zeiträumen gesucht, die an den Halvings ausgerichtet sind. Die Abstände sind deshalb keine unabhängige Prüfung eines Halving-Rhythmus. Auch bei anderem Ausgangspunkt der Messung werden die Kursanstiege von Periode zu Periode kleiner, ihre Größenordnung verändert sich dabei jedoch deutlich.
Wie wird das Rekordhoch vom März 2024 behandelt?
Am 13.03.2024, rund fünf Wochen vor dem vierten Halving, erreichte Bitcoin mit 73.082 US-Dollar einen neuen Rekord, der durch Zuflüsse in neu zugelassene Bitcoin-ETFs mitgeprägt gewesen sein dürfte. Er lag über dem Hoch vom November 2021. Die Frage, wie dieser Rekord zu behandeln ist, entscheidet darüber, wie regelmäßig das Muster erscheint. Für die Verlustbelastung wird der maximale zwischenzeitliche Rückgang betrachtet. Für die Frage nach der zeitlichen Regelmäßigkeit werden zusätzlich die höchsten Kurse der jeweiligen Halving-Perioden gegenübergestellt, in der laufenden Periode bis zum Stichtag. Die Tabelle zeigt beide Sichtweisen. In den Perioden 2012 bis 2016, 2016 bis 2020 und seit 2024 liefern sie dieselben Hochs.
Nach dem höchsten Kurs der Halving-Periode ist das Muster ähnlicher Abstände nicht mehr erkennbar, und der anschließende Rückgang wäre mit 16,1 Prozent deutlich geringer. Der größte Verlust in dieser Halving-Periode bliebe dennoch der von 76,7 Prozent zwischen November 2021 und November 2022.
Das Hoch vor dem größten Rückgang beschreibt den Ausgangspunkt des größten Verlusts, nicht den höchsten Kurs der gesamten Periode. Dieses Verfahren wurde allerdings erst nach Sichtung der Ergebnisse gewählt, nachdem der höchste Kurs der Periode 2020 bis 2024 ein auffälliges Ergebnis geliefert hatte. Es ist deshalb nicht unabhängig von den Ergebnissen gewählt. Ob ähnliche Abstände sichtbar werden, hängt somit vom Verfahren ab.
Wo steht der laufende Zyklus?
Am 27.10.2026 lag Bitcoin bei 80.777 US-Dollar. Das sind 35,3 Prozent unter dem Hoch vom 06.10.2025 und 38,0 Prozent über dem bisherigen Tief vom 30.06.2026 (58.540 US-Dollar). Der bislang größte Rückgang seit diesem Hoch betrug 53,1 Prozent. Er endete am vorläufigen Tief vom 30.06.2026, von dem sich der Kurs bis zum 27.10.2026 teilweise erholt hat. Der bisherige größte Rückgang fällt geringer aus als in den abgeschlossenen Perioden. Ob es dabei bleibt, ist offen. Bis zum nächsten Halving verbleiben rund anderthalb Jahre.
Historische Zeitabstände mechanisch fortgeschrieben
Die folgende Übertragung ist eine Rechenübung und keine Prognose. Sie addiert wenige beobachtete Abstände auf den laufenden Zyklus, um zu zeigen, was die Erzählung vom Vierjahreszyklus zeitlich bedeuten würde. Vorausgesetzt wird, dass das Hoch vom 06.10.2025 der Ausgangspunkt bleibt, dass das vorläufige Tief vom 30.06.2026 nicht mehr unterschritten wird und dass die historischen Abstände überhaupt auf die nächste Marktphase übertragbar sind. Mit künftigem Hochpunkt ist ein nach dem jeweiligen Verfahren ausgewähltes Hoch gemeint, nicht das nächste lokale Kurshoch. Kurse und Kursziele werden nicht abgeleitet.
Die drei Fortschreibungen liefern unterschiedliche Zeiträume im Jahr 2029, die sich nur teilweise überschneiden. Sie ergeben keinen gemeinsamen Terminbereich für einen künftigen Hochpunkt.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens trifft das Muster schon heute nicht genau zu: Der Abstand von Tief zu Tief betrug in den früheren Perioden 1.425 bis 1.431 Tage, das hätte das aktuelle Tief auf den 04. bis 10.10.2026 gelegt, das vorläufige Tief lag jedoch am 30.06.2026. Ein späteres, tieferes Tief bleibt möglich. Zweitens hängt die Übertragung vom Verfahren ab. Mit dem höchsten Kurs der Halving-Periode ergäbe der Abstand von Hoch zu Hoch (572 und 2.279 Tage) ein nächstes Hoch zwischen dem 01.05.2027 und dem 02.01.2032. Das ist keine nutzbare Aussage.
Was das für die Portfolioentscheidung bedeutet
Für Vermögensverwalter ist der Vierjahreszyklus eher eine Erzählung als ein Steuerungsinstrument. Die beobachtete zeitliche Ähnlichkeit bietet keine verlässliche Grundlage, einem Mandanten einen Erholungszeitpunkt zu nennen. Relevanter ist die Größenordnung: Bei einer Bitcoin-Quote von 2 Prozent entsprächen die abgeschlossenen Rückgänge von 77 bis 85 Prozent rechnerisch einem Verlustbeitrag der Bitcoin-Position von rund 1,5 bis 1,7 Prozentpunkten, bei 5 Prozent von rund 3,8 bis 4,2 Prozentpunkten. Die übrigen Anlagen können gleichzeitig zusätzliche Gewinne oder Verluste verursachen. Das gilt für eine Quote zum Höchststand und ohne Umschichtung. Die Kursspitze vor dem größten Rückgang war erst nach 847 bis 1.177 Tagen wieder erreicht. Das gilt für die hier ausgewählten Hochs: Mit dem höchsten Kurs der Halving-Periode wäre die Erholungsdauer in der Periode 2020 bis 2024 kürzer, der größte Rückgang bliebe jedoch unverändert.
Diese Werte sind beobachtet. Sie sind weder Obergrenzen für künftige Verluste noch maximale Erholungszeiten. Die Quote sollte so gewählt werden, dass ein Mandat hohe Verluste und eine mehrjährige Erholung tragen kann, unabhängig davon, ob sich ein Rhythmus wiederholt.
Der Vierjahreszyklus bleibt Gesprächsstoff
Der Vierjahreszyklus bleibt eine weit verbreitete Deutung des Bitcoin-Marktes. Mit dem nächsten Halving wird erneut zu beobachten sein, welche historischen Ähnlichkeiten bestehen bleiben und wo der Kursverlauf davon abweicht. Offen bleibt, wie sich ein größerer und liquiderer Markt mit neuen Marktteilnehmern auf das Muster auswirkt. Für Vermögensverwalter bleibt die Diskussion damit relevant: Sie prägt die Erwartungen vieler Anleger und bietet Anlass, über Verlustbelastung, Anlagehorizont und die Grenzen historischer Vergleiche zu sprechen.
Datengrundlage: Tägliche Schlusskurse BTC/USD (Tageswert 00:00 Uhr UTC des Folgetags) vom 01.01.2012 bis 27.10.2026. Quellen: Coin Metrics Community Data bis 23.05.2026, danach TradingView (CRYPTO:BTCUSD); die Reihen weichen im Überlappungszeitraum überwiegend gering, einzelne Tage bis zu 6,1 Prozent voneinander ab. Die Auswertung erfolgt in US-Dollar. Euro-Kurse wurden nicht ausgewertet, Wechselkursbewegungen können die Zahlen verändern. Das Halving-Datum 2028 ist eine Schätzung (Blockhöhe 973.570 am 28.10.2026 laut cryptoticker.io), die Fortschreibung keine Prognose. Die laufende Periode ist unvollständig. Die frühen Perioden betreffen einen kleinen, illiquiden Markt. Die Auswertung beschreibt die Vergangenheit und enthält keine Prognose.
Kein Investment Advice. Nur Marktbeobachtung.
Ein Beitrag von 21Nexus. Die Inhalte dienen der allgemeinen Information und Einordnung. Sie stellen weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar und ersetzen keine individuelle Beratung.
Dieser Beitrag ist für Sie frei zugänglich.
Exklusive Inhalte sind registrierten Mitgliedern vorbehalten. Verpassen Sie keine relevanten News. Die Registrierung ist natürlich kostenfrei.
