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Wenn die Aktie zum Token wird

21Nexus

16.10.2026 · 09:20 Uhr

Der Internationale Währungsfonds hat den Handel mit tokenisierten Aktien untersucht. Die Ergebnisse zeigen, was Vermögensverwalter vor einem Einsatz prüfen sollten.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat der Tokenisierung in seinem aktuellen Finanzstabilitätsbericht ein eigenes Kapitel gewidmet. Das zeigt, dass das Thema in der Diskussion um die künftige Infrastruktur der Kapitalmärkte angekommen ist. Für Vermögensverwalter wird damit die konkrete Ausgestaltung wichtig: Welche Rechte vermittelt ein Token, wie lässt er sich handeln und wie wird das Geschäft abgewickelt?

Was Tokenisierung ist

Bei der Tokenisierung werden Aktien, Anleihen oder andere Finanzinstrumente als digitale Einheiten, sogenannte Token, auf einer programmierbaren Datenbank ausgegeben oder abgebildet, typischerweise einer Blockchain. Der Token kann das Finanzinstrument selbst oder einen Anspruch darauf verkörpern; Regeln für Übertragungen und Abwicklung lassen sich automatisch ausführen.

Was sich die Branche davon verspricht

An Kauf, Verkauf und Verwahrung eines Wertpapiers sind heute mehrere Unternehmen beteiligt. Sie führen eigene Aufzeichnungen und müssen ihre Daten miteinander abgleichen, was Zeit und Kosten verursacht. Tokenisierung soll diese Schritte auf einer gemeinsamen Plattform bündeln. Erhofft werden niedrigere Kosten, schnellere Abwicklung, mehr Transparenz, Handel rund um die Uhr, kleine Stückelungen und automatisierte Abläufe.

Für Anleger hängt der Mehrwert von Anwendung und Konstruktion ab. Längere Handelszeiten können mehr zeitliche Flexibilität schaffen und kleine Stückelungen den Zugang mit geringeren Beträgen ermöglichen. Erste Studien zeigen zudem niedrigere Emissionskosten tokenisierter Anleihen. Ob solche Einsparungen beim Anleger ankommen, ist damit nicht beantwortet. Manche Verbesserungen, etwa kürzere Abwicklungszeiten, lassen sich auch ohne Tokenisierung erreichen. Für Anleger zählt zudem, ob sich die gewünschte Position zuverlässig und zu vertretbaren Kosten handeln lässt.

Der Markt ist klein

Der öffentlich erfasste Markt tokenisierter Realwerte lag Ende Juli 2026 bei rund 65 Milliarden US-Dollar. Zum Größenvergleich: Das entspricht etwa 0,2 Prozent des ausstehenden Volumens an US-Staatsanleihen. Private tokenisierte Märkte, Repos und Stablecoins sind in den 65 Milliarden nicht enthalten. Tokenisierte Aktien kommen auf geschätzte 2,3 Milliarden Dollar.

Was die Auswertung tokenisierter Aktien zeigt

Der IWF hat fünf der liquidesten tokenisierten US-Aktien- und Indexprodukte mit den zugrunde liegenden Titeln verglichen. Mehr als die Hälfte des Handelsvolumens fiel außerhalb der regulären US-Börsenzeiten an, und rund 80 Prozent der Transaktionen waren kleiner als eine Aktie. Zusätzliche Handelszeiten und kleine Stückelungen werden also genutzt, überwiegend von Privatanlegern. Ob daraus für ein konkretes Mandat ein Vorteil entsteht, lässt sich bisher nicht pauschal beantworten.

Die untersuchten Token ließen sich weniger liquide handeln als die zugrunde liegenden Titel. Besonders ausgeprägt war das an dezentralen Handelsplätzen, auf denen Geschäfte über Blockchain-Anwendungen abgewickelt werden.

Auch die gemessenen Kursschwankungen waren höher. Der Vergleich erfasst allerdings unterschiedliche Zeiträume: Bei Token fließen Nacht- und Wochenendbewegungen in dünnen Märkten ein, bei den traditionellen Titeln nur die regulären US-Börsenzeiten. Daraus lässt sich kein eindeutiger Effekt der Tokenisierung ableiten. Zu US-Börsenzeiten lagen die Tokenpreise häufig nahe an den Referenzkursen, an volumenschwachen Plätzen weichen sie stärker ab. Die Preisnähe außerhalb dieser Zeiten erfasst die Auswertung nicht.

Ein Beispiel: Will ein Kunde eine größere Position außerhalb der Börsenzeiten verkaufen, reicht ein angezeigter Kurs nicht aus. Entscheidend ist, welcher Preis für die gesamte Order verfügbar ist und wie Verkaufserlös und Wertpapier abgewickelt werden.

Wo Tokenisierung heute eingesetzt wird

Für Vermögensverwalter dürfte zunächst vor allem der Einsatz in der Marktinfrastruktur relevant sein. Der IWF zählt Sicherheitenmanagement und tokenisierte Repos, also kurzfristige Finanzierungen gegen Sicherheiten, zu den überzeugendsten frühen Anwendungen. Die Geschäfte laufen überwiegend zwischen verbundenen Unternehmen und bleiben klein im Verhältnis zum klassischen Markt. Als mögliches mittelfristiges Szenario beschreibt der IWF eine Tokenisierung, die für Endanleger weitgehend unsichtbar bleibt: Anleger würden ihre Wertpapiere weiterhin über vertraute Anbieter halten, während sich die Abläufe im Hintergrund ändern.

Was das für die Mandatsarbeit bedeutet

Auch bei einem tokenisierten Produkt bleibt entscheidend, woher Ertrag und Risiko stammen. Hinzu kommen drei Fragen zur rechtlichen Konstruktion und zur technischen Umsetzung.

Erstens: Welchen Anspruch vermittelt der Token? Bei nativ ausgegebenen Aktien ist der Token selbst die Aktie. Andere Modelle bilden einen Anspruch auf eine verwahrte Aktie ab. Bei weiteren Modellen hat der Anleger einen Anspruch gegen eine Gesellschaft, die die Aktien hält, und besitzt die Aktien nicht unmittelbar. Welche Eigentums-, Dividenden- und Mitspracherechte damit verbunden sind, hängt von der Konstruktion ab. Die beiden größten Emittenten tokenisierter Aktien nutzen laut IWF Konstruktionen mit Anspruch gegen eine Gesellschaft.

Zweitens: Zu welchem Preis lässt sich eine Kundenorder tatsächlich ausführen? Ordergröße, verfügbare Liquidität und Abstand zum Referenzkurs gehören in die Prüfung, denn an volumenschwachen Plätzen weichen die Preise stärker ab.

Drittens: Wie werden Kauf, Verkauf und Verwahrung abgewickelt? Zu klären ist, wer die Token verwahrt, welches Zahlungsmittel eingesetzt wird und welche Ansprüche bei Ausfall eines beteiligten Unternehmens bestehen. Ein privat ausgegebenes digitales Zahlungsmittel kann zusätzliche Kredit- und Liquiditätsrisiken mitbringen.

Die Rechtslage in Deutschland und der EU untersucht der Bericht nicht, sie ist je Produkt gesondert zu prüfen. Dass ein Anbieter „tokenisiert“ auf ein Factsheet schreibt, sagt wenig über Marktqualität, Rechtsanspruch und Abwicklung. Das Thema dürfte weiter an Gewicht gewinnen. Wer die entscheidenden Fragen heute kennt, ist auf Gespräche mit Kunden und Anbietern vorbereitet.

Quelle: Internationaler Währungsfonds, Global Financial Stability Report, Oktober 2026, Kapitel 3 „Scaling Tokenization: New Efficiencies, New Vulnerabilities“; Marktdaten Stand 31. Juli 2026, Auswertung auf Basis von RWA.xyz, Allium und CoinDesk durch IWF-Mitarbeiter.

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